Online-Gedenkportale – die Trendbewegung für die Trauerbewältigung

In Zeiten des allgegenwärtigen WWW überrascht es nicht, dass auch in puncto Erinnerungskultur immer mehr Angebote und Aktivitäten im Netz zu finden sind. Trauer um und Gedenken an Verstorbene finden auch und zunehmend im Netz statt. Räume der Trauer im Internet sind jedoch kein neues Phänomen. Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre verbreiten sich virtuelle Friedhöfe und Trauerportale kontinuierlich. Dabei scheint die Zahl der Gedenk- und Erinnerungsplattformen die der Online-Friedhöfe mittlerweile deutlich zu übersteigen. Doch welchen Nutzen haben Online-Gedenkportale für Trauernde? Und welchen Beitrag leisten sie zur Trauerbewältigung?

Vorweg: Detaillierte Antworten auf diese Fragen wird man künftig noch finden müssen – die sozial-wissenschaftliche Forschung ist hier gefordert, in naher Zukunft ihren Beitrag zur Aufklärung des Themas zu leisten. Trotz der wenigen aussagekräftigen Untersuchungen zur Relevanz von Online-Gedenkportalen zeichnen sich jedoch bereits jetzt einige Trends ab. Anke Offerhaus mit ihrer Arbeit zur Thematik „Trauer und Erinnerung im Internet“ und die wissenschaftliche Veröffentlichung der SWS-Rundschau zur „Trauerbewältigung online“ bestätigen dies:

Online-Gedenkportale scheinen vor allem für diejenigen von zentraler Bedeutung zu sein, „[...] die sich mit ihrer Trauer in ihrem Umfeld nicht aufgehoben fühlen und im Internet eine alternative Trauergemeinschaft finden [...]“, so die SWS-Rundschau. Offenbar lassen beispielsweise der Austausch ähnlicher Erfahrungen oder das Verfolgen und Lesen von Kondolenzbeiträgen ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, das Trost und Halt spendet.

Überdies können Nutzer von trauerbezogenen Internetangeboten zu jeder Tages- und Nachtzeit unabhängig von sozialen Normierungen selbstbestimmt ihren Trauerritualen nachgehen. Ferner helfen Online-Gedenkportale dabei, der zunehmenden Mobilität vieler Menschen Rechnung zu tragen – insbesondere dann, wenn der Ort der Bestattung und der Trauer auseinanderfallen und die reale Nähe zum Friedhof oder der Kontakt zu Angehörigen nicht gegeben sind. Demgegenüber scheint die Gefahr, dass Menschen sich durch die Virtualisierung aus ihrem Alltag zurückziehen oder sogar ihr soziales Netzwerk aufgeben, insgesamt eher gering zu sein.

Online-Angebote als „Brückenmedium“

Aufgrund der immer noch kursierenden Bezeichnung des Internets als „neues Medium“ entsteht zum Teil der Eindruck, die trauerbezogenen Online-Angebote würden die bisher vorhandenen mehr oder weniger ablösen. Dies scheint keineswegs der Fall zu sein. Vielmehr dient das WWW als ein „Brückenmedium“, das reale und virtuelle Angebote miteinander verbindet und ein gegenseitiges Ergänzen möglich macht.

Von zentraler Bedeutung ist hierbei das erweiterte Handlungs- und Inszenierungsspektrum. So bieten Online-Gedenkportale in der Regel die Möglichkeit, – über das klassische Kondolieren hinaus – virtuelle Kerzen zu entzünden und diese mit einer persönlichen Botschaft zu versehen sowie eigene Symbole oder Bilder zu hinterlassen. In Bezug auf die Kommerzialisierung des Bereichs Online-Trauer bestehen jedoch große Unterschiede hinsichtlich einer angemessen und respektvollen Umsetzung. So erscheinen manche Online-Gedenkportale eher wie Werbeflächen, die nur bedingt zum Verweilen einladen.

In neuerer Zeit findet man jedoch auch einige qualitativ hochwertige Angebote, die die Bandbreite der (gemeinsamen) Trauerbewältigung deutlich erweitern. Dazu zählt z.B. die Option, mit den auf einer Gedenkseite gesammelten Bildern eine Art Lebensbuch zum Verstorbenen anzulegen, wie dies beim Webtool-Gedenkportal der Fall ist. Auch die Möglichkeit, online für einen Zweck zu spenden, der dem Verstorbenen sehr am Herzen lag, ist nicht nur ganz in dessen Sinne, sondern kann den Abschiedsprozess auch positiv beeinflussen.

Gisa Greve von Rapid Data kann anhand der statistischen Zahlen bestätigen, dass die Online-Angebote Zuspruch finden: „Wir beobachten sowohl eine stetige Zunahme von Gedenkseiten als auch eine zunehmend intensive Nutzung. Handelt es sich um jüngere Verstorbene, gilt dies in besonderer Weise.“

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Miteinander aus „traditioneller“ Trauerbewältigung und virtuellen Angeboten auch weiterhin harmonisch sein und die Trauerkultur bereichern wird. Besonders in Bezug auf letztere werden sich sicher diejenigen Plattformen weiter durchsetzen, die tatsächlich einen würdevollen Ort des Gedenkens an einen geliebten Menschen mit einem echten Nutzen für die Hinterbliebenen schaffen.

Weitere Informationen unter Tel. +49 451 619 66-0

Autorin: Stephanie Tamm

Quellen: Offerhaus, A. (2016): Begraben im Cyberspace. Virtuelle Friedhöfe als Räume mediatisierter Trauer und Erinnerung. In: Benkel, T. (Hrsg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Lebensendes. Bielefeld: transcript Verlag, 339-364.

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