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Der Tod wird bunt - die Trauer bedeutsam

Sind Bestatter die Verwalter des Todes und der regelkonformen Beisetzung eines verstorbenen Menschen? Oder sind sie Gestalter des Abschieds und Begleiter der Zugehörigen, die mit dem Tod eines nahen Menschen unbekanntes Terrain betreten? Was auffällt: Je nach Selbstverständnis verändert sich das Sprechen über Tod und Trauer.

Sprache schafft Bewusstsein

Manche Akteure in der Bestattungsbranche finden eine neue Sprache und Ästhetik der Trauer. Sie drücken sich anders aus, weil sie anders denken. Damit treffen sie den Nerv der Zeit.

Aus Hinterbliebenen wurden zunächst Angehörige. Immer häufiger wird von Zugehörigen gesprochen, was den Kreis der betroffenen Menschen auf Personen des nahen sozialen Umfeldes ausweitet. Trauer ist nicht einfach Trauer, sondern sie darf selbstbestimmt, sinnvoll oder laut sein. Von mutig, gesund oder gut trauern ist die Rede.

Fritz Roth sprach bereits vor 10 Jahren in seinem Buch „Das letzte Hemd ist bunt“ von der neuen Freiheit in der Sterbekultur. Damals wurden seine Impulse für einen von den Angehörigen autonom gestalteten Abschied von vielen als Provokation empfunden. Der Wind hat zwischenzeitlich gedreht. Viele Bestatterinnen und Bestatter haben seine Impulse aufgenommen und gehen den Weg vom Verwalter zum Gestalter des Abschieds. Gestalten bedeutet, die Bedürfnisse von Angehörigen wahrzunehmen und sie darin zu unterstützen, die für sie passenden Handlungsweisen, Worte und Produkte zu finden.

Je selbstverständlicher es wird über Trauer zu sprechen, desto weniger wird es notwendig sein, dass die Begleitenden die Trauer mit einem positiv besetzten Adjektiv verbinden und damit besonders qualifizieren: sinnvoll, mutig, gesund … Als wäre die Art und Weise, wie Menschen bisher getrauert haben sinnlos, verzagt, ungesund, fremdbestimmt oder schlecht gewesen.

Die Autonomie in der Trauer

Die sich ändernde Sprache kommt nicht von ungefähr. Wie Menschen Abschied nehmen, ihre Abschiede gestalten und wie sie trauern, war lange Zeit stark reguliert. Die Soziologinnen Jacoby, Haslinger und Gross sprechen von der „Verlagerung von Trauer aus der Gemeinschaft und Öffentlichkeit in die Privatheit – weitgehend losgelöst von festgelegten Ritualen und Praktiken.“ Das bedeute einen historischen Wandel „von Verhaltensnormen hin zu Gefühlsnormen im Rahmen einer Emotionalisierung der Trauer“.

Erst in diesem Kontext wird die Tragweite eines sich verändernden Bewusstseins und neuer Sprechweisen über Tod und Trauer deutlich. Es handelt sich nicht um eine wachsende Anzahl von Revoluzzern im Bestattungsgewerbe, die sich gegen die bewährten Formen des Abschiednehmens stellen, sondern um Vorreiter, die das Verständnis von Autonomie im modernen Leben in die Bestattungsbranche tragen.

Bewusstsein schafft Ausdrucksformen

Immer mehr professionell Begleitende stellen den Umgang mit Tod und Trauer, wie sie ihn gelernt haben, in Frage. Genauso trauernde Menschen, die auf der Suche nach Unterstützung über die sozialen Medien, über Fernsehsendungen, YouTube-Videos, Podcasts und die Fülle von Trauerratgebern und Erlebnisberichten in Buchform auf die neuen Akteure bei Bestattung und Trauerbegleitung stoßen.

Die neuen, anderen und alternativen Wege der Trauerkultur sind nicht mehr ganz so neu. Sie haben längst Eingang in die etablierten Unternehmen und Institutionen gefunden.

Egal in welchem Bereich man schaut: die Gestaltung von Trauerkarten, die Vielfalt in Formen, Farben und Auswahl bei den Schmuckurnen oder Trauerreden, in denen sich die Persönlichkeit des Verstorbenen widerspiegelt. Die Farben auf den Webseiten werden vielfältiger. Die strenge Kleiderordnung weicht auf, die Trauergäste machen es schon lange vor. Neubauten von Bestattungsunternehmen sind lichtdurchflutet, Abschiedsräume wohnlich eingerichtet.

Mediale Aufmerksamkeit für den bunten Tod

Die Kampagne „My Coffin“ des Bundesverbands Deutscher Bestatter wollte mit bunten Särgen, Promis und Kunst, den Tod und die Bestattung wieder mehr ins Gespräch bringen. Die Sarggeschichten beantworten Fragen zu Sterben, Tod und Trauer. Eyecatcher ist ein roter Sarg. Neue Podcast-Angebote tragen klingende Namen wie Endlich, Ende gut, EXIT, The-end, Viva la muerte oder Sterbenswort. Abschiedsthemen werden so normal und facettenreich wie alle anderen Themen aufbereitet.

Die mediale Verbreitung funktioniert über emotionalisierende Beiträge und Storytelling, was mit der Emotionalisierung der Trauer Hand in Hand geht. Die schönen Erinnerungen an ein buntes Leben schalten am Lebensende nicht mehr um auf schwarz/weiß. Sie bleiben bunt.

Wer als Bestatter seine Webseite neu gestaltet oder die sozialen Medium nutzt, arbeitet mit an diesem Paradigmenwechsel. Der Wandel lässt sich an den Klickzahlen für Beiträge ablesen.

Am meisten werden die trauernden Menschen von diesem Wandel profitieren, wenn neue Sprechweisen über Tod und Trauer nicht marktkonform genutzt werden, um sichtbarer zu werden, sondern weil es in Einklang mit dem Denken und dem Selbstverständnis des Bestatters ist.

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