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Digitale Trends in der Trauerkultur

Die Gesellschaft verändert sich stetig und mit ihr die Abschieds- und Trauerkultur. Grabpflege und das Trauern auf dem Friedhof beispielsweise ist für immer weniger Menschen noch zeitgemäß. Auch der ewige Wunsch nach Unsterblichkeit führt viele zur Selbstoptimierung, zum Wegoperieren des Alters und mittlerweile auch zu digitalen Avataren. Lassen Sie uns gemeinsam einen Blick auf die Entwicklungen in der virtuellen Welt der digitalen Trauerkultur werfen!

Ewigsein dank künstlicher Intelligenz (KI)

Die künstliche Intelligenz lässt unser Ich digital weiterleben und macht uns somit unsterblich. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern schon jetzt die neue Realität:

Als der Vater von James Vlahos an Krebs erkrankte, fütterte er einen Chatbot mit zahlreichen Kurznachrichten und Audiodateien, bis der Bot lernte, so wie der Vater zu kommunizieren. James Vlahos sah einen Markt darin und gründete die Firma Here After. Das Geschäftsprinzip: Zum Abo-Preis können Menschen Chatverläufe oder Handy-Videos von ihren Angehörigen einreichen und daraus einen Chatbot mit seiner Stimme und „Persönlichkeit“ erstellen lassen.

Die südkoreanische TV- und Dokumentationssendung „I Met You“ ging in Zusammenarbeit mit Vive Studios sogar noch einen Schritt weiter und erschuf für eine trauernde Mutter einen virtuellen Raum, in dem sie dem Avatar ihrer 7-jährigen verstorbenen Tochter begegnen konnte. Die Reaktionen auf die YouTube-Posts des Videos polarisierten von „Voll schön“ bis „irgendwie krank“.

Trauer-Loop oder Trauerhilfe?

Hilft ein unsterblicher Avatar des Verstorbenen den Trauernden loszulassen oder hält er sie in einer virtuellen Realität gefangen? Vielleicht in einer Endlosschleife der Trauer oder sogar in dem Denken, dass ihr geliebter Mensch noch da ist? Experten sagen, die Gefahr besteht, letztendlich können die Auswirkungen aber von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Lesen Sie mehr zum Thema Unsterblichkeit durch KI in unserem Buch-Tipp: „Die digitale Seele“ [Link zum Artikel].

Vorsorge gewinnt durch die digitale Unendlichkeit immer mehr an Bedeutung

Die Möglichkeit, digital ewig zu leben, wirft automatisch um so mehr die Frage auf: Welchen Eintrag im Logbuch der Menschheit möchte ich hinterlassen? Was soll für meine Lieben erhalten bleiben? Dadurch wird sich Bestattungsvorsorge in Zukunft nicht mehr nur darum drehen, wie möchte ich gehen, sondern auch darum, wie möchte ich bleiben.

Virtuelle Friedhöfe und Gedenkstätten auf dem Vormarsch

Mit dem Homeschooling und Homeoffice ist auch das Hometrauern schon längst im Trend. Spätestens seit Corona. Gedenkportale wie das von Rapid schaffen einen neuen Ort des Trauerns und damit eine virtuelle Gedenkstätte. Dadurch muss Trauer nicht mehr an einen Ort gebunden sein. Angehörige, Freunde und Bekannte können von überall auf der Welt zusammenkommen und der Ort des Gedenkens ist immer und für jeden in der Trauergemeinschaft greifbar. Finanzielle, berufliche, gesundheitliche Gründe, zu große örtliche Distanzen oder pandemiebedingte Einschränkungen für den sozialen Kontakt – all das hat bei virtuellen Gedenkstätten keine Bedeutung mehr.

Wikipedia bezeichnet Gedenkportale sogar als virtuelle Friedhöfe, was sie aber im Grunde (noch) nicht sind, da hier die Verstorbenen nicht beigesetzt werden. Doch die Möglichkeiten virtueller Gedenkstätten werden zukünftig nahezu unbegrenzt sein. Schon jetzt können Trauergemeinschaften in einzelnen Projekten in einem virtuellen 3D-Abschiedsraum dem Avatar des Verstorbenen selbst als Avatar begegnen und mit den Avataren der anderen Trauergäste kommunizieren.

Diese Entwicklungen werden auch unsere heutigen Gedenkportale in eine neue Dimension führen. In ein raum- und zeitunabhängiges Metaverse, das die Tür für neue Angebote der Bestatterinnen und Bestatter öffnet und vielleicht einmal in der Lage sein wird, die Energie Verstorbener in sich aufzunehmen oder umzuwandeln.

Im digitalen Zeitalter verantwortungsvoll handeln

Die KI erweckt Verstorbene zum Leben und wird damit zu so etwas wie Gott. Ihre Macht sind die Daten des Verstorbenen. Um so wichtiger ist es, dass alle, die Tod und Trauer in den virtuellen Raum holen, mit diesen Daten bedacht umgehen und sich ihrer großen Verantwortung gegenüber den Trauernden bewusst sind.  

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