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Gendern: Unsinn oder doch eine Überlegung wert?

Geschlechtersensible Sprache nennen es die einen, Verhunzung der deutschen Sprache die anderen. Beim Gendern scheiden sich die Geister. Manipuliert das Gendern die Sprache oder ist es notwendig, um Diskriminierung zu vermeiden? Selbst unter Fachleuten ist das Thema heiß umstritten. Die Debatte ist schwierig, die Fronten sind teils verhärtet. Wer Texte für die Webseite braucht oder einen Vortrag hält, kommt nicht darum herum, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen.

Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache ist ein Streitthema

Die Debatte wird auf verschiedenen Ebenen geführt. Auf der einen Seite sind die Sprachwissenschaftler:innen, die mit ihren Forschungen, wissenschaftlichen Diskursen und Veröffentlichungen das Thema aufgebracht haben. Es gibt die queere Bewegung, die mit ihrer Kritik an der Cisgender-Heteronormativität erreicht hat, dass eine korrekte Stellenausschreibungen heute Bestattungsfachkraft (m/w/d) lautet. Spätestens seit der Einführung der dritten Geschlechtsoption „divers“ Anfang 2019 in Deutschland muss sich jedes Unternehmen der Frage nach einer geschlechtergerechten Sprache stellen – für alle Geschlechter.

Es gibt den Verein Deutsche Sprache, der dem Gender-Mainstreaming „sprachpädagogischen Übergriffe“ vorwirft und dem „Gender-Neusprech“ politisch den Kampf angesagt hat. Für ihn ist die Forderung einer geschlechtergerechten Sprache ein Partikularinteresse, das nur neue Absurditäten und Ungerechtigkeiten hervorbringt.

Weiterhin gibt es Menschen, die ungeachtet differenzierter Argumente, die Debatte emotional aufheizen. Eine Spielart ist, das Anliegen lächerlich zu machen, wie es dem Fernsehmoderator Thomas Gottschalk nachgesagt wird, der meinte: „Wenn die Dinge so weitergehen, müsste er wohl bald im Restaurant sagen <gib mir bitte die Salzstreuerin rüber>.“ Andere scheuen sich nicht von der „Vergewaltigung der deutschen Sprache“ zu sprechen. Man könnte darin einen Anklang an den Buchtitel der Sprachwissenschaftlerin Senta Trömel-Plötz „Gewalt durch Sprache - Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen“ (1986) sehen. Beide benutzen das eindringliche Bild des sexuellen Übergriffs, das aber wenig hilfreich ist, in der Debatte zu einer Lösung zu kommen.

Inzwischen beschäftigt die Frage auch die Gerichte. So hat ein Mitarbeiter den Autokonzern Audi verklagt, davon befreit zu werden, dem Gender-Leitfaden des Unternehmens zu folgen. Er wolle keine falsche und aufgezwungene Sprache nutzen müssen, die keine rechtliche Grundlage habe.

Schriftliche und mündliche Sprache verändern sich

Bereits Ende der 1970er Jahre begründeten die beiden Sprachwissenschaftlerinnen Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz die feministische Sprachkritik. Bücher wie „Alle Menschen werden Schwestern“ (1990) und „Das Deutsche als Männersprache“ (1991) erreichten in den Anfangsjahren nur die feministischen Zirkel und einen kleinen Kreis von Menschen, denen Geschlechtergerechtigkeit ein Anliegen war.

Inzwischen wird die Diskussion in politischen Gremien geführt, in den Kommunen, an den Hochschulen, in großen Unternehmen. Microsoft beispielsweise nutzt für die interne und externe Kommunikation neutrale Formulierungen wie Partizipform oder das Gendersternchen. Das Gendern sei Teil einer inklusiven Sprache, zu der auch eine diskriminierungsfreie und barrierefreie Sprache gehöre. Eine unternehmensweite Kampagne will Sprachsensibilität entwickeln und Umsetzungsmöglichkeiten aufzeigen, so eine Pressemeldung vom 17. März 2021.

Contra Gendern: Frauen sind im generischen Maskulinum mitgemeint

Eines der Hauptargumente der Gegner der neuen Sprachregelungen bezieht sich auf das generische Maskulinum. Im Prinzip umfasse der Begriff Bestatter die diesen Beruf ausübenden Männer und Frauen gleichermaßen. Bestatter ist das generische Maskulinum, das „grammatische Geschlecht“. Es seien die Bezeichnungen als „Maskulinum“ und „Geschlecht“, die für Verwirrung sorgen. Schuld daran seien die Grammatiker des deutschen Barock, die „Genus“ mit „grammatisches Geschlecht“ übersetzten und die Artikel „der, die, das“ „Geschlechtswörter“ nannten. Eigentlich sind das nur Schubladen, die auch ganz anders beschriftet sein könnten. So unterscheiden fast alle indogermanischen Sprachen belebte von den unbelebten Dingen.

Doch seit der unglücklichen Übersetzung im Barock, stecke die Verbindung zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht in den Köpfen fest. Das sei aber kein Problem der Sprache, sondern des sprachlichen Bewusstseins der Menschen. Deshalb wäre es auch falsch, die Sprache zu ändern.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter sei ein erstrebenswertes Ziel. Mit den neuen sprachlichen Regel werde versucht, diesem Ziel näherzukommen. Mit Regeln, die zudem noch von oben vorgegeben werden, könne man aber keine Gleichheit herstellen.

Pro Gendern: Wer gemeint ist, will nicht nur mitgemeint sein.

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass generisch maskuline Formen zu mehr Repräsentationen männlicher Personen führten als die sprachlichen Alternativen.

Das Maskulinum sei keineswegs neutral ist, sondern erzeuge in den Köpfen der Menschen überwiegend männliche Bilder und lassen den Gedanken an Frauen gar nicht erst aufkommen. Das innere Bild sei weitgehend der männliche Bestatter, nicht die Bestatterin. Frauen dürfen sich mitgemeint fühlen. Wer findet, das sei unnötig, könne ausprobieren immer Bestatterin zu sagen, die männlichen Bestatter dürfen sich einfach mitgemeint fühlen.

Das generische Maskulinum sei also alles andere als neutral. Die meisten Bezeichnungen für Frauen sind aus denen für Männer abgeleitet. Sie symbolisieren damit eine Abhängigkeit vom Mann: der Bestatter, die Bestatterin. Der Mann als Norm und Standardversion des Menschen werde uns von der Sprache aufgezwungen, die Frau erscheint entsprechend als Abweichung von dieser Norm.

Das semantische Merkmal „weiblich“ ist Bestandteil der Bedeutung Bestatterin sowie von Substantiven wie Frau oder Großmutter. Ausdrücke wie Mann, Bestatter, Redner etc. haben eine geschlechtsspezifische Bedeutung. Analog hierzu beziehen sich die Substantive Frau, Bestatterin, Rednerin, auf Frauen. Das Suffix - er hat eine spezifisch männliche Bedeutung. Das zeigt beispielswese die Ableitung Witwer von der semantisch weiblichen Basis des Wortes Witwe.

Luise F. Pusch konstatiert, dass Männer in unserer herrschenden Aufmerksamkeits-Ökonomie einen enormen Wettbewerbsvorteil hätten, weil Frauen unsichtbar blieben. Frauen werden sprachlich benachteiligt. Das Deutsche ist wie fast alle europäischen Sprachen eine Genussprache. Die Sprachstruktur hat für Frauen eine nachteilige Eigenschaft: Männer, hypothetische Personen („Fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker”, „Wer wird Millionär?“) und gemischtgeschlechtliche Gruppen werden alle mit demselben Genus bezeichnet, nämlich dem Maskulinum. Das Maskulinum erlaubt einen „generischen, geschlechtsübergreifenden” Gebrauch, das Femininum nicht.

Wie gegendert werden kann

Die feministische Sprachkritik hat das Nachdenken über Sprache in Bewegung gebracht und inzwischen zu einer Vielfalt möglicher Ausdrucksformen geführt, hier am Beispiel des Personenkreises, der Bestattungen begleitet:

  • Paarform: Liebe Bestatterinnen und Bestatter
  • Geschlechtsneutral mit Partizip: Bestattende oder anderen Begriff: Kundschaft
  • Binnen-I: Liebe BestatterIn
  • Gender-Gap in den verschiedenen Schreibweisen: Bestatter/innen (Schrägstrich); Bestatter:innen (Doppelpunkt); Bestatter*innen (Genderstern); Bestatter_innen (Unterstrich); Bestatter.innen (Punkt). Hier wird eine Lücke zwischen der männlichen und der weiblichen Form gelassen. Dasumfasst alle Geschlechter zwischen oder abseits von Mann und Frau.

In der gesprochenen Sprache wird der Gender-Gap durch eine kurze Pause in einem Wort hörbar gemacht. Der Fachausdruck dafür ist Glottisschlag. Eine solche Lücke kommt im Deutschen öfter vor, zum Beispiel im Wort Spiegelei. Viele junge Leute oder Moderator:innen haben bereits Übung darin. Es wird immer selbstverständlicher auf diese Weise gesprochen.

Darüber hinaus gibt es das „Mal so, mal so“. Mal die weibliche, mal die männliche Form. Diese Variante wird gerne genutzt, wo andere Arten zu gendern einen Text unlesbar oder nicht aussprechbar machen. Die deutsche Grammatik stößt in Aufzählungen oder bei bestimmten Satzkonstruktionen an ihre Grenze. „Der/die Kund/in fragt den/die freundliche/n Bestatter/in um Unterstützung bei der Formulierung der Traueranzeige.” Eine solche Lesart kann und will man niemandem zumuten. Ganz zu schweigen von den Komplikationen, die daraus für Nichtmuttersprachler beim Erlernen des Deutschen entstehen.

Wichtig ist auch zu realisieren, dass der entscheidende Punkt in der Debatte die Personenbezeichnungen sind. Das Maskulinum bezeichnet Männer (der Bestatter), das Femininum Frauen (die Bestatterin). Andere Bereichen des Wortschatzes haben nichts mit Geschlecht zu tun: die Nase, der Mund, das Auge. Bei zusammengesetzten Begriffen, die sach- und nicht personenbezogen sind, sehen viele Linguist:innen keine Notwendigkeit zu gendern: Bürgersteig, Arztbescheinigung, Lehrerzimmer. Im Restaurant „Salzstreuerin“ zu sagen, ist aus Sicht der geschlechtergerechten Sprache absurd.

Sich für eine Weise entscheiden und gelassen bleiben

Es gibt kein Zurück zu einer idealisierten „guten alten Zeit“, bevor die Feminist:innen Schreiben und Reden „verkompliziert“ hätten. Es geht darum das Anliegen wahrzunehmen, sich damit auseinanderzusetzen, wie man es selbst halten will, und ansonsten gelassen zu bleiben.

Auf beiden Seiten der Auseinandersetzung um das Gendern gibt es Menschen, die Menschen mit einer anderen Auffassung und Nutzung der Sprache abwerten. Die einen fallen einem Redner oder einer Rednerin ins Wort, weil diese in der Begrüßung nicht gegendert haben. Die anderen weigern sich ein Buch zu lesen, ungeachtet des Inhalts, weil der Autor sich entschieden hat den Genderstern zu nutzen.

Die Struktur der deutschen Sprache macht es schwierig, Männer und Frauen gleichermaßen sprachlich sichtbar zu machen. Sprache verändert sich innerhalb gesellschaftlicher Gruppen in langsamen Prozessen. Manche Menschen bringen das voran, indem sie gendersensible Sprache verwenden. Andere halten das nicht für nötig, handeln aber in anderen Bereichen, um Diskriminierung abzubauen. Wer sich für das Gendern in der einen oder anderen Form entschieden hat, findet Hilfe im Genderwörterbuch, in dem viele passende geschlechtsneutrale Formulierungen zusammengetragen sind.

Wenn man neue Regeln vorgibt, erzeugt das Widerstand. Das ist nicht nur in der Sprache so. Andererseits werden Menschen auf gendergerechte Sprache reagieren, weil sie ein Bewusstsein für gesellschaftliche Benachteiligungen signalisiert.

Ist Gendern also Unsinn oder macht es Sinn? Für die interne und externe Kommunikation muss jedes Bestattungshaus für sich eine Antwort finden. Webseite, Flyer oder Geschäftsunterlagen senden ein Signal an die Kundschaft. Je nach Sprache fühlen sich potenzielle Kunden angezogen oder abgestoßen.

Wer in der Debatte um das Gendern, weiterhin respektvoll mit denen spricht, die sich anders entscheiden und die Emotionen rausnimmt, wird für sich die passende Lösung finden.

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